Hannover, 11. Juli 2018

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„Meine Seele hatte keine Ruhe“

Gartenkirche beruft erstmals Iranerin in den Kirchenvorstand

Die neue Kirchenvorsteherin Ramak Aghamirnabipour setzt sich besonders für die iranischen Christen in der Gartenkirche ein.   Foto: Sabine Dörfel

Ramak Aghamirnabipour war noch keine Woche in Deutschland, da sagte ihr Cousin: „Geh mal in die Gartenkirche, das ist etwas für dich.“ Für die Iranerin war es der richtige Rat zur richtigen Zeit, denn sie hatte ihre Heimat verlassen müssen, um ihren christlichen Glauben leben zu können. In der Gartenkirche erfuhr sie Aufnahme, Hilfe und Gemeinschaft. Seit 2013 ist die Arbeit mit Iranern und Afghanen, die Christen werden, ein Schwerpunkt der Gemeinde. Aghamirnabipour begann, im Kirchencafé mitzuhelfen, die Gottesdienste, Bibelabende und einen Taufkursus  zu besuchen. Weihnachten 2014 wurde sie in einem feierlichen Gottesdienst getauft. Seitdem ist die Gartenkirche ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie engagiert sich intensiv in der Gemeindearbeit und hat jetzt sogar ein Leitungsamt übernommen. Bei der diesjährigen Kirchenvorstandswahl ist sie in den Kirchenvorstand berufen worden, als erste Iranerin in diesem Amt. „Wir wollten eine Vertretung für die Gruppe der Iraner und Afghanen haben“, berichten Diakonin Sabine Clausmeyer und Kirchenvorsteherin Martina Niederlag. „Und wir wollten gerne eine Frau mit dieser Aufgabe betrauen.“ Zu ihrer ersten Kirchenvorstandssitzung sei sie schon mit Herzklopfen gegangen, erzählt Aghamirnabipour. Schließlich habe sie keine Erfahrung mit solchen Ämtern. „Ich kann Bindeglied zwischen den Iranern und der Gemeinde sein, denn manche Anliegen können besser in der Muttersprache geäußert werden“, weiß die Dreiundvierzigjährige. Ein Heimatwechsel bringe sehr viele Schwierigkeiten mit sich, das habe sie ja selber auch erfahren. Für Iraner, die zum Christentum übertreten, gibt es keine Rückkehr in den Iran, zumindest unter dem herrschenden Mullah-Regime. Das war der ehemals sehr gläubigen Muslima bewusst, als sie ihre Entscheidung traf, in Deutschland um Asyl zu bitten. Religion gehört für Aghamirnabipour zum Leben, doch sie hatte zunehmend Schwierigkeiten mit dem islamischen Glauben.  „Einige der Vorschriften für Muslime konnte ich nicht erfüllen, ich stand nicht dahinter“, sagt sie, „und ich hatte immer wieder das Gefühl, deswegen nicht von Gott geliebt werden zu können.“  Und sie betont: „Gott ist für mich in meinem Leben sehr wichtig“. Christin zu sein, das bedeutet für Aghamirnabipour die Sicherheit, so wie sie ist, von Gott geliebt zu werden und ebenso andere lieben zu können, „egal, wo jemand herkommt, was jemand ist oder tut“. Ihr Leben im Iran hätte sie einfach weiterführen können, doch „meine Seele hatte keine Ruhe und das ist für mich das Wichtigste im Leben, den seelischen Frieden zu haben“. Immer wenn die Mutter von zwei Kindern von ihrem Glauben und ihrem Engagement in der Gartenkirche spricht, leuchten ihre Augen besonders. Natürlich freut es sie, dass auch ihre beiden Söhne sich haben taufen lassen, doch sei dies deren eigene Entscheidung gewesen, berichtet sie. Die ersten Jahre war sie mit den Kindern noch allein in Deutschland, ihr Mann ist seit drei Monaten hier und auch er beginnt jetzt einen Taufkursus in der Gemeinde. Doch Aghamirnabipours Eltern, die schon lange in Hannover leben, sind Muslime, nehmen aber an Festen wie zum Beispiel auch an der Konfirmation des älteren Enkels in der Gartenkirche gerne teil.  Sechs Jahre dauert eine Kirchenvorsteher-Amtszeit und in dieser Zeit wird Aghamirnabipour nicht nur in der Gartenkirche viel zu tun haben. In diesem Sommer schließt sie ihre dreijährige Ausbildung als Optikerin ab, nach einem Jahr praktischer Arbeit will sie dann die Meisterschule besuchen. Optikerin zu werden, das war schon im Iran ihr Wunsch gewesen, doch erst jetzt konnte sie, mit anfänglicher Unterstützung der Gartenkirchengemeinde, auch diesen Lebenswunsch verwirklichen.

Sabine Dörfel